INTERVIEW MIT FRAU DOKTOR
 

INTERVIEW MIT FRAU DOKTOR

 

FRAU DOKTOR aus Wiesbaden haben sich mittlerweile von den Lebenden verabschiedet. Ihr letztes Konzert im Schlachthof von Wiesbaden fand am 30.10.2010 statt. Am Abend des vorletzten Konzertes im Berliner CLASH am 23.10.2010 hatte ich Gelegenheit Sänger Üni ein paar Fragen zu stellen und ein Fazit unter 15 Jahre FRAU DOKTOR zu ziehen.

 

F:         Nach 15 Jahren löst Ihr euch auf. Was ist der Grund?

 

Ü:        Der Grund ist ganz klar. Einige Leute in der Band haben gesagt, dass sie aufgrund von Familie und Job keine Zeit mehr haben, Musik zu machen. Wir wollen keine Band sein, die es zwar gibt, die aber nur zwei Mal im Jahr spielt. Wir haben uns gesagt, entweder wir haben eine Band und machen dann richtig was oder wir lassen es.

Der zweite Grund ist, dass wir die Band auch nicht umbesetzen wollen. Dann wäre FRAU DOKTOR einfach nicht mehr FRAU DOKTOR wie es die letzten 10 Jahre war.

Für manche in der Band ist es schade, aber insgesamt ist es gut so wie es ist.

 

F:         Gibt es Bandmitglieder die anderweitig weiter machen möchten?

 

Ü:        Was den Bereich Ska angeht hat sich bis jetzt noch nichts ergeben und ist auch noch nichts erwähnt worden. Ich hab noch eine Punkband. Das ist aber eher so eine Hobbyband. Ich weiß nicht, da kann sich schon was entwickeln. Manche Leute in der Band haben ja weiterhin mit Musik zu tun. Unser Bassist ist Musikpädagoge. Der wird schon weiterhin Musik machen. Eine neue Skaband aus Mitgliedern von FRAU DOKTOR ist erstmal nicht geplant.

 

F:         Wenn Ihr die Möglichkeit hättet, von der Musik zu leben, würdet Ihr dann weitermachen, oder würdet Ihr euch trotzdem auflösen, weil zu wenig Zeit dafür ist?

 

Ü:        Das ist sicherlich eine Altersfrage. Wenn das von Heute auf Morgen entstehen würde, wären wir damit völlig überfordert. Wir sind jetzt seit 10 Tagen auf Tour und ich bin völlig fertig. Im Moment kann ich es mir nicht vorstellen ewig Musik zu machen. Das ist richtig anstrengend. Außerdem haben einige ja auch Familie. Die kann man nicht so einfach zu Hause alleine lassen.

Wenn wir davon hätten leben können, hätte sich das alles früher entwickeln müssen. Vor acht Jahren hätten wir uns auf jeden Fall dafür entschieden, wenn es so gelaufen wäre. Vielleicht hätte man das Ganze dann auch mit anderen Augen betrachtet. So ist ja jedes Konzert von FRAU DOKTOR eine große Party. Wenn du da alle Familienväter von der Leine lässt…

Vielleicht wäre es, wenn es sich früher entwickelt hätte, auf eine professionellere Schiene gekommen. Es ist natürlich äußerst unprofessionell sich jeden Abend die Hucke voll laufen zu lassen. Das hält man nicht lange durch. Also wir zumindest nicht. Wir sind ja im Schnitt so um die 40.

Insgesamt war es niemals so, dass wir auch noch annähernd von den Plattenverkäufen hätten leben können. Wenn, dann lebt man von den Konzerten die man spielt. Zumindest in dem Segment in dem wir uns bewegen.

 

F:         Heute im CLASH spielt Ihr euer zweitletztes Konzert. Wie fühlt Ihr euch, wenn Ihr daran denkt, dass in Kürze FRAU DOKTOR Vergangenheit ist?

 

Ü:        Bis jetzt war es immer so, dass in den Städten wo unser Herz jahrelang dran gehangen hat, wie z.B. Hannover, da war es sehr bewegend, dort noch einmal ein letztes Konzert zu spielen. Jetzt sind wir alle ein bisschen kaputt. Ich bin auch froh, dass ich Morgen wieder in meinem Bett schlafen kann und nicht mehr in dem U-Boot pennen muss, mit dem wir seit 10 Tagen durch die Lande fahren. Irgendwie haben wir es bis jetzt trotz allem immer geschafft an jedem Abend eine Riesensause zu veranstalten. Das macht auch tierisch Spaß. Das ist dann auch immer eine total emotionale Sache. In den Clubs in denen wir bei der Tour gespielt haben, sind Läden in denen wir in der Vergangenheit oft und gerne gespielt haben. Die Tour haben wir extra so gebucht. Gestern haben wir in Coburg gespielt, in genau dem JUZ in dem wir unser erstes Auswärtskonzert überhaupt hatten. Das war 1996! Das ist immer noch das JUZ, wie man es kennt, mit Sozialarbeitern und allem. Das war wie eine Zeitreise. Nur, das diesmal unser Bus größer war als der Laden. Na ja, wir mussten zumindest woanders parken, weil der Parkplatz vom JUZ für unseren Bus zu klein war. Wenn du in so einem Laden spielst ist das einfach eine Ecke emotionaler, als wenn du in einem Club das erste Mal spielst und nicht diesen intensiven, persönlichen Bezug hast.

Dann steht natürlich noch unser letzter Gig in unserer Heimatstadt Wiesbaden. Das wird emotional richtig schwer. Das wird ein Riesenkonzert sein, was uns eigentlich nicht so liegt. Wir sind ja eher eine Band die in kleineren Clubs zu Hause ist.

 

F:         Hättet Ihr in Wiesbaden die Möglichkeit gehabt in einem kleineren Club zu spielen?

 

Ü:        Die Möglichkeit hätten wir gehabt, aber dann hätten wir vier oder fünf Mal spielen müssen. Momentan sind für unseren Gig in Wiesbaden um die 1500 Karten verkauft worden.

Der Club hat eine Kapazität von 1600 Leuten. An sich passen da aber 2000 Leute rein.

Bisher haben wir auch in Wiesbaden immer in einem kleineren Laden gespielt. Für unser traditionelles jährliches Konzert in Wiesbaden haben wir immer zwei Mal in einem kleinen Club gespielt. Das hat auch gut funktioniert. Es sind zwar immer auch ein paar Leute nach Hause geschickt worden, weil es ausverkauft war, aber es war o.k.. Es waren dann immer so um die 350 Leute pro Show da. Für unser Abschiedskonzert müssten wir da echt fünf Mal drin spielen, wahrscheinlich noch häufiger. So viel Zeit haben wir nicht.

 

F:         Du hast schon die Clubs angesprochen. Das ist mir auch aufgefallen, dass Ihr häufig auch in alternativen Clubs oder besetzten Häusern gespielt habt. Bedeutet euch das was, dort zu spielen oder hat sich das einfach so ergeben?

 

Ü:        Es bedeutet uns sehr viel genau dort zu spielen. Wir wollen ganz klar in linken Läden spielen, die einen Anspruch haben! Wir sind nicht so eine Clubband die irgendwo spielt und fertig. Natürlich hat sich das in den Jahren auch so ergeben, aber das ist eine bewusste und gewollte Entwicklung gewesen. Da haben wir ja auch unsere Wurzeln her. So ist die Band ja auch entstanden. Das erste Konzert von FRAU DOKTOR war in Wiesbaden im Café Klatsch, das ist so ziemlich das linkeste was es in Wiesbaden gibt. Die ganze linke Szene ist dort. Das war uns von Anfang an immer wichtig und ist es auch bis heute geblieben.

 

F:         Gab es in den 15 Jahren Bandgeschichte irgendein Erlebnis was besonders skurril war, was einen wirklich vor den Kopf gestoßen hat?

 

Ü:        Es gibt immer viele verrückte Sachen die man erlebt. Definitiv viele verrückte Sachen haben wir bei unseren Konzerten in Spanien erlebt. Teilweise sind wir da als Mega-Rockstars behandelt worden, so dass wir schon teilweise Angst bekommen haben.

Da kommt man ins Hotel und der Porno-Kanal ist frei geschaltet, weil eine Rockband natürlich auch Pornos schauen will. Da denkt man dann schon “Was geht hier ab“. Oder dann wirst du vom Flughafen mit einer extra Limousine abgeholt. Das ist schon skurril. Dabei waren wir nur von einer großen Agentur gebucht worden, bei denen wir nur eine kleine Nummer waren. Da kommst du am Flughafen an, und dann wird dir deine Crew vorgestellt. Crew? Für was brauchen wir eine Crew? Na, Ihr braucht doch einen Gitarrentechniker und Stagehands. Na ja, gut nimmt man mit. Die Festivals und Konzerte die wir dort gespielt haben waren zwar recht groß, aber wir waren da nie Headliner, manchmal nicht mal Co - Headliner.

In Spanien haben wir manchmal mittags auf einem Open-Air gespielt und nachts dann ein weiteres Konzert in einer Halle gespielt. Das ist da im Sommer normal, aber ist schon ganz schön anstrengend.

Auf der anderen Seite gibt es dann aber auch die ganz kleinen Läden. In Frankreich haben wir mal in einem Club gespielt, da war das Schlagzeug über dem Notausgang auf einem Podest montiert. Die Bühne war da drunter, eben direkt vor der Notausgangtür, die musste ja frei bleiben, falls die Leute im Notfall da rausmüssen.  

 

F:         Wie seid Ihr zur Ska-Musik gekommen?

 

Ü:        Wir haben alle früher Punkbands gehabt. Irgendwann haben wir uns dann mal alle getroffen, ein paar hatten aktuell eine Band und ein paar Leute nicht. Da kam uns der Gedanke, dass wir ja mal Ska spielen könnten. Warum, weiß ich gar nicht mehr, aber das war dann da, und dann haben wir am Anfang einige Sachen gecovert und bekannte Songs ins Ska-Gewand gebracht. Es gab seinerzeit eine Skaband die “Turnaround Turtles“, die hatten sich aber gerade aufgelöst. Aus den Überresten der Band haben wir dann die Musiker zu uns gelockt. Unser Gitarrist hat dort damals z.B. Schlagzeug gespielt. So hat sich alles entwickelt und es kam eines zum anderen.

 

F:         Ihr habt ja mit “Grenzen der Gemütlichkeit“ jetzt noch eine Art Best-Of Album veröffentlicht. Wie kam die Auswahl der Songs zustande, die den Weg auf die Scheibe gefunden haben?

 

Ü:        Wir hatten eigentlich gedacht, dass der Oliver Mauermann, der Sänger der Aeronauten, die Auswahl macht. Oliver ist so eine Art musikalischer Mentor für uns. Davor hatten wir gesagt, wir machen eine Liste von Songs, die wir auf jeden Fall auf der CD drauf haben wollen. Das war dann schon alleine so eine fette Liste, dass es da gar nix mehr zum auswählen gab, es passen ja nur eine begrenzte Zahl von Songs auf eine CD. Wir haben das alles im Plenum vorher durchgesprochen, bei uns darf ja jeder alles. Bei uns war am Anfang die Angst, dass, wenn wir die Liste dann abgeben, ganz komische Songs drauf sein werden. Die Geschmäcker sind ja verschieden.

Insgesamt sind die Songs nach unserem Publikum ausgerichtet worden. Eben, was unser Publikum gerne hören möchte.

 

F:         Beim eurem Song “Generation Anspruchslos“ geht mir durch den Kopf, dass Ihr eine Generation beschreibt die wenig Ansprüche hat. Kann man nach 15 Jahren Bandgeschichte da auch was am Publikum sehen? Ist der Anspruch vielleicht heute geringer als früher?

 

Ü:        Ich weiß nicht ob der Song und die Aussage generell an ein gewisses Alter festzumachen ist. Der Titel klingt natürlich gut, aber ich meine da eher eine gewisse Gruppe von Leuten, nicht in erster Linie eine Altersgruppe. Der Song ist auch im Bezug zu den ganzen Reichen in Wiesbaden zu sehen. Für die sind wir doch alle ein anspruchsloser Haufen. Der Song ist also durchaus die Realität und sich selbst reflektierend gemeint.

 

F:         Eure Aussage ist also mehr die, dass sich die Subkultur nicht über materielle Dinge identifiziert?

 

Ü:        Genau. In dem Lied geht es ja darum, dass man auch einfach mal zum Fußball gehen kann, und einfach Spaß haben kann, ohne den anderen zu zeigen, was man für ein fettes Auto hat.

 

F:         Wenn junge Leute zu dir kommen würden, und dir sagen, dass sie eine Skaband gründen wollen. Was würdest du Ihnen sagen?

 

Ü:        Das ist schwer, den Ska hat ein Problem. Es gibt viele Schülerbands die sich treffen und Musik machen und schon bei den ersten Auftritten großen Erfolg haben, weil Ska einfach eine eingängige und tanzbare Musik ist.

 

F:         Ska ist aber nicht unbedingt einfach zu spielen, wenn man ein paar Riffs mal außen vor lässt.

 

Ü:        Wir haben festgestellt, dass man extrem dran bleiben muss. Man muss sich entwickeln und immer präsent bleiben.

Wenn wirklich jemand zu mir kommen würde, und mir sagt, er will eine Skaband gründen, würde ich ihm sagen “Höre dir den alten Kram an und versuche so alt zu klingen wie es geht. Versuche immer dranzubleiben und dich zu entwickeln“.

 

F:         Gibt es musikalische Vorbilder die du nennen würdest?

 

Ü:        Das sind schon die alten Sachen. Generell Bob Marley und Prince Buster, eben so aus der Generation. Die jüngeren Leute orientieren sich ja meist eher an Bands wie Ska-P. Das ist ja auch alles immer Geschmackssache. Wenn jemand so professionell sein möchte wie Ska-P und das auch ernsthaft hinbekommt, soll er das machen.

 

F:         Hast du noch ein paar Abschiedsworte? 15 Jahre FRAU DOKTOR…

 

Ü:        …es war schön! Ich bereue nichts. Und sag niemals nie!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
   
 
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